|
Heinrich
Heine? Johan Wolfang von Goethe? Hermann Hesse? Namen,
die man wohl eher im schulischen Deutschunterricht, aber
nicht in einem Musikmagazin erwartet. Doch wie so oft
bestimmt auch hier wieder einmal die Ausnahme die musikikaische
Regel. Denn wenn eine Band wie das Iserlohner Quintett
Leichenwetter klassische deutsche Dichtung derart gekonnt
in eine elektrisierende, volltönende Melange aus
Metal, Gothic Rock und pulsierender bis atmoshphärischer
Elektronik gießt, muss die berühmte Ausnahme
von der Regel an dieser Stelle einfach folgen. Dawe, Gitarrist,
Backgroundsänger und Begründer von Leichenwetter,
gibt genauer Auskunft über das auf den ersten Blick
recht ungewöhnliche Konzept des neuen Albums "Letzte
Worte".
Angesprochen
auf den eventuellen pädagogischen Hintergrund der
vertonten Gedichte, die in Zeiten von demotivierenden
Pisa-Studien und den Klagen über leicht ungebildtete
bis voll dumpfbackige deutsche Schüler eigentlich
gerade recht kommen müssten, will Dawe den aufklärenden
Aspekt durchaus nicht völlig von der Hand weisen:
"Es wäre schön, wenn wir einigen Leuten
die deutsche Lyrik schmackhaft machen könnten. In
der Schule wird sie einem oft so aufgedrängt, dass
man die Lust daran verliert. Wenn das nicht klappt, sind
wir auch nicht traurig. Wenn einem wenigstens unseren
Musik gefällt, freut uns das natürlich auch."
Ja
die Musik. Die große Leistung der Leichenwetter-Mannen
liegt gerade darin, die lyrischen Texte eben nicht nur
simpel und dröge mit Musik zu unterlegen, sondern
richtig starke ongs daraus zu bauen, die so wirken, als
wäre die Musik gemeinsam mit dem lyrischen Text gerade
erst frisch aus einem Guss entstanden. So sind die Stücke
natürlich sehr pathetisch, wenn nicht sogar streckenweise
hymnisch geraten. Die "Letzten Worte", so der
Albumtitel, wirken aber keinesfalls kitschig oder altbacken,
sondern überraschen durch ihre sehr aktuelle Instrumentierung.
Einige
Songs sind sogar dermaßen groovig mit ihren runtergestimmten
Staccato-Riffs, treibenden Drums und tuckernden elektronischen
Sequenzen, dass fast schon ein ganz neues Tanzfeeling
entsteht: "Tanz den Heinrich Heine, tanz den Johann
Wolfgang...", Andere Tracks wirken wiederum sehr
gehaltvoll, bauen spährische Gothic-Riffs in ihre
Strukturen ein und lassen den grollenden, intensiven Gesang
des Sängers Numen die tiefe Lyrik sehr eindrucksvoll
unters willige Hörer-Volk bringen.
Die
nichts ahnenden Reaktionen mancher Hörer und Musikjournalisten
in Bezug auf den klassischen Hintergrund der Songtexte
sind da nur Ausdruck für die gelungene musikalische
Verschmelzung, die der Iserlohner Fünfer vollbracht
hat. Dawe: "Es kam auch schon trotz Info vor, dass
selbst Rezensenten unsere CD nicht verstanden haben und
wussten, worum es geht. Sie warfen uns "billige Texte"
vor. Ich gebe das Kompliment einfach an Herrn Goethe weiter..."
(Februar
2005 / Christian Sommerstange )
|