Nocturnal
Hall
Willkommen
im Club der toten Dichter. Hier; in den Abgründen
der modernen Subkultur suhlen sich LEICHENWETTER in
den kreativen Ergüssen von deutscher Romantik und
Moderne. Angehörs der aktuellen Veröffentlichung
Letzte Worte stellt sich mir im Wesentlichen die Frage:
Was soll das Ganze? Pädagogischer Auftrag
im Angesicht der aktuellen Pisa-Studie? Immerhin werden
hier Gedichte von Droste-Hülshoff, Hesse oder auch
Goethe wiedergegeben. Oder schlichtweg Faulheit, weil
man nach ein paar müden Versuchen die eigenen Sachen
auf der Strecke blieben? Nein, das wollen wir ihnen
nicht unterstellen...
Ob
das Unterfangen, brachialen Rammstein-Sound mit zum
Teil zerbrechlicher Lyrik zu kreuzen, gelungen ist,
darüber lässt sich geteilter Meinung sein.
Für die einen haben wir es mit einer Innovation
zugunsten der Neuinterpretation verstaubter Inhalte
zu tun, für die anderen ist es schlicht eine Vergewaltigung
deutschen Textguts. Im Falle von Heines Schlesischen
Webern mag das ja noch seine Berechtigung haben. Schließlich
kommentierte der gute Mann seinerzeit damit den von
Preußen niedergeschlagenen Weberaufstand von 1844
(darüber hinaus dürfte das martialisch maskierte
Quintett aus Bochum hiermit jene Zeitgenossen auf die
Plätze verweisen wollen, die ihm Deutschtümelei
und Nähe zum Rechts-Rock unterstellen wollte).
Aber,
Jungs, mal ehrlich: Es heißt nicht umsonst bei
Eichendorff Es war, als hätt der Himmel
die Erde still geküsst... Still geküsst!
und nicht: mit voller Wucht eins in die Fresse
gehauen Hier wäre mal wieder das Prinzip
weniger ist mehr angesagt, findet ihr nicht?
Die
Musik, irgendwo zwischen Neuer Deutscher Härte
und pathetischem Doom-Metal, tritt dahinter erwartungsgemäß
zurück. Die große Überraschung bleibt
hier zwar aus, aber fällt auch nicht durch überambitioniertes
Tüfteln negativ aus dem Rahmen.
Auf
der Suche nach Identität in einem Meer mittelmäßiger
Reproduktionen haben LEICHENWETTER diesen Weg beschritten.
Wer so einen Schritt wählt, setzt sich zwangsläufig
stärker der Kritik aus als zum Beispiel die x-te
Auflage von Paradise Lost. Dafür auf jeden Fall
ein dickes Plus, aber für Interpretation und Artikulation
gibt es einen Abzug in der B-Note.
"Ausreichend", setzen!
Herztattacke
Leichenwetter,
das sind fünf Musiker aus Iserlohn, die ein ungewöhnliches
und interessantes Konzept zugleich verfolgen. Sie vertonen
Werke verstorbener deutscher Lyriker wie z.B. Hermann
Hesse, Heinrich Heine oder Johann Wolfgang von Goethe
und verpassen den angestaubten Texten ein modernes,
musikalisches Gewand. Dieses Gewand besteht hauptsächlich
aus treibenden Riffs, die ab und an in die Rammstein
Ecke abgleiten, poppigen und ohrwurmverdächtigen
Refrains sowie düsteren (elektronischen) Spielereien,
die an einschlägige Gothic Metal Acts erinnern.
Auf
dem Blatt Papier liest sich das alles ganz gut und die
Musik scheint perfekt zu den teils morbiden Texten der
alten Grossmeister der Lyrik zu passen. Aber wie sieht
die Realität aus? Keine Sorge, bis auf einige Abstriche
in der B-Note sind Leichenwetter eine der Überraschungen
des Jahres im deutschsprachigen Düster-Metal Sektor.
Die Songs sind allesamt mitreißend, was nicht
zuletzt an dem vielseitigen Gesang von Sänger Numen
liegt. Er transportiert die Stimmungen der verschiedenen
Texte perfekt in die Neuzeit und verwebt diese fehlerfrei
mit der Musik. Für meinen Geschmack sind einige
Arrangements aber doch etwas zu oberflächlich und
vorhersehbar, was aber einzig und allein meine subjektive
Empfindung bzw. Meinung ist.
Die
drei Bonustracks in Form von Club-/Radio Mixen sind
eine gelungene Ergänzung zum restlichen Material.
Besonders "Nur Dich - Allisone" klingt trotz
(oder sogar wegen) dem starken elektronischen Einschlag
nicht nur nach einem billigen Versuch, die Musik clubtauglicher
zu gestalten sondern ist eine sehr gute Neuinterpretation
des Grundthemas.
Das
Album erscheint aufgrund einiger Probleme mit dem Presswerk
leider stark verspätet erst Ende Januar 2005. Bis
dahin sollte man sich die Band aber im Hinterkopf behalten
und vielleicht auf der Homepage einige MP3's checken.
M
E N S C H E N F E I N D
Rocktimes
Ich
guck aus dem Fenster und es ist Mistwetter. Windig,
regnerisch, ungemütlich. Leichenwetter eben! Und
als ob das nicht schon genug ist, dreht sich auch eine
frisch ins Haus geflatterte CD im Player. Was läuft?
Leichenwetter!
Aber im Gegensatz zum Wetter draußen, macht die
CD richtigen Spaß. "Letzte Worte" ist
nicht windig, sondern stürmt brachial aus den Lautsprechern.
Wuchtige Metal-Riffs , düster, die Gitarren tiefer
gelegt, keine Marschrhythmen a'la Rammstein. Und auch
sonst kann ich die oft gebrachten Vergleiche mit Rammstein
überhaupt nicht teilen.
Leichenwetter schreiben keine eigenen Songs, sondern
bedienen sich aus dem unerschöpflichen Fundus alter
deutscher Lyric von Else Lasker-Schüler, Annette
von Droste-Hülshoff, Hermann Hesse, Albrecht Haushofer,
Johann Wolfgang von Goethe, Joseph von Eichendorff,
Heinrich Heine und Franz Werfel.
Wer soll ob dieser geballten Ladung an hochrangigen
Lyrikern noch eigene Texte schreiben?
Mein Waschzettel stuft Leichenwetter als Poetic Gothic
Metal ein. Poetisch auf jeden Fall, Metal unzweifelhaft
- Gothic: nun ja, mit einer gehörigen Prise Doom
würde ich meinen. Hinzu kommen elektronische Spielereien,
bisschen ganz harter Pop - ist schon ein irrsinniger
Melting Pot.
Diese Mischung aus Texten, bei denen man merkt, warum
man einen Kopf hat und dem treibenden, epischen Metal
hat was ungeheuer spannendes. So spannend, dass ich
mich hinreißen ließ, diese CD zu reviewen.
Normalerweise ist meine Baustelle ja eine total andere,
aber es spricht für die Band, dass sie es schafft,
mich aus den gewohnten Spuren springen zu lassen und
den mit Blumen und Peace-Zeichen beklebten VW-Bus auch
mal in "dunkle" Seitenstraßen lenken
lässt.
Die Lyrics tun Pisa-Deutschland sicher gut. Abrocken
kann man auch, wie mir meine Metal-gewohnte bessere
Hälft versichert und ja, auch ich schreibe leicht
headbangend.
Konzerte mit Tanzwut und Subway to Sally können
die Jungs als Referenz vorweisen. Sicher brauchen sie
keine Headliner mehr, denn Leichenwetter haben genug
eigenes Potential, um selbst von Supportbands begleitet
zu werden. Warum sie allerdings fast alle maskiert auftreten........
Die Band sagt selbst, dass die Masken dafür sorgen
sollen, nicht die Musiker im Vordergrund stehen zu sehen,
sondern das Augenmerk auf die Texte zu konzentrieren.
Na ja, ich für meinen Teil will die Akteure schon
sehen, ihre Augen und die Mimik. Außerdem kommt
bei diesen Texten und der Interpretierung derselben
das Zuhören eh' nicht zu kurz.
Numen schafft es, diese alten Klassiker in ein modernes
Gewand zu kleiden. Seine markante und gekonnt eingesetzte
Stimme akzentuiert punktgenau und es ist erstaunlich,
wie aktuell alte Texte sein können: "Die schlesischen
Weber" von Heinrich Heine etwa; diese Worte zum
schlesischen Weberaufstand 1844:
"Ein Fluch dem König,
dem König der Reichen,
den unser Elend
nicht konnte entweichen,
der den letzten Groschen
von uns erpresst......."
Vorangestellt wird dem Text ein gegröltes "Deutschland,
Deutschland". Das klingt wie der Schlachtruf bei
Länderspielen, wenn die Fans meinen, das wäre
nötig um den "Gegner" einzuschüchtern
- Krieg anstelle von Sport und Spiel. Leichenwetter
haben diesen Trackanfang bewusst provozierend arrangiert.
Und es klappt - auch mir kommen bei den Lyrics Gedanken
an Hartz IV, Arbeitsagentur, Globalisierungswahn, Firmenschließungen,
Politik - kurz Verarsche der Menschen in den Sinn. "Letzte
Worte" ist genial umgesetzt und intoniert. Die
Band wird mit Sicherheit Metalfans begeistern (und wie
man liest, nicht nur die), vielleicht macht sie auch
dem einen oder anderen Appetit, mal einen Hermann Hesse
zu lesen; zum Beispiel.
Apropos "Letzte Worte", als Absacker gibt
es "Jenseits von Eden". Hehe, genau, diese
Schnulze aus Drafi Deutschers Feder, gekonnt gesülzt
von Nino de Angelo. Die Leichenwetter-Version knallt
richtig rein und bringt Drafis Komposition erstmals
richtig zur Geltung.
Der Player stoppt, die Leichenwetter-CD ist zu Ende
und auch draußen sieht es wieder aus wie sonst,
wenn es nicht regnet. War ein schöner Ausflug in
neue Gefilde, quasi über den Tellerrand geschaut
und ja, auch die Suppe aus dem anderen Teller schmeckt.
Ab 31. Januar 2005 ist die CD Im Handel erhältlich,
also schon mal was vom Weihnachtsgeld auf die Seite
legen.
Wir danken "Brooke-Lynn Promotion" für
die Vorab-Bemusterung.
Ulli
Heiser
Vampster
Pathos,
Provokation und Poesie, das sind die Grundfesten, auf
denen LEICHENWETTER ihre Vision von elektronisch beeinflusstem
Gothic Metal erbauen. Und wäre da nicht dieses
ständige Stibitzen von Stilmitteln bei den Vorbildern
von RAMMSTEIN, könnte man uneingeschränkt
in Lobesgesänge ausbrechen. So aber fällt
zunächst beim Opener "Nur dich" die Parallele,
parrrdon: Parrrallele besonderrrs ins Gewicht, wenn
Sänger Numen mit "Mein Herrrz..." im
identischen Rhythmus und Gestus ansetzt (um dann mit
"...pocht" statt "brennt" weiterzumachen).
Und auch das laut Info provokante Skandieren von "Deutschland"
zu Beginn von "Die schlesischen Weber" scheint
zunächst nach billigem Kokettieren mit nationalem
Gefühl bis Gewürge auszusehen.
Doch
ähnlich wie man beim genaueren Hinhören die
Ironie hinter "Die schlesischen Weber" bemerkt
(die leider musikalisch nicht umgesetzt wurde - sonst
hätte es nämlich vermutlich auch keiner Extraerklärung
im Info bedurft, gell?), so offenbaren sich etliche
Momente in der Musik von LEICHENWETTER, die eine stilistisch
vollkommen autarke und textlich überaus ambitionierte
Band portraitieren. Bereits auf ihrem ersten Lebenszeichen
"Nachtwerke" zeichnete sich die Band dadurch
aus, dass sie Gedichte berühmter Dichter aus verschiedenen
Epochen mit düsterem Grundthema kongenial in den
Gothicmetal-Kontext umsetzte. Zwei dieser Kompositionen,
"Weltende" und das "Schnitterlied",
haben sich in modernisierten Fassungen auch auf "Letzte
Worte" geschmuggelt und passen dort wunderbar zu
den neueren Songs, die ebenfalls mit Texten von Werfel,
Hesse, dem guten alten Goethe und vielen anderen versehen
wurden.
Musikalisch
treffen simple, aber effektive Stakkatoriffs auf epische
Momente und geschickt dosierte Elektroelemente, was
zusammen eine kraftvolle, in den eigenständigeren
Momenten auch überaus begeisternde Mischung ergibt.
Klar, Operngesang-Gehversuche von Numen oder das Röhren
im Titeltrack sind Geschmackssache. Doch ansonsten unterstützt
er die wechselnden Stimmungen von Musik und Texten sehr
gut und sorgt für eine Extraschippe Pathos. LEICHENWETTER
zeigen zudem, dass sie sehr gut wissen, wie ein eingängiges
Lied zu funktionieren hat, und angesichts des Booms
in diesem Bereich wäre es ihnen zu gönnen,
dass sie ein größeres Publikum für sich
erspielen können. Dazu brauchen sie bei einer musikalisch
derart starken Leistung auch keine komischen Flokatiwesten
und Eishockeymasken des FC Mittelalter Eisenhüttenstadt...
Heavy-Metal.de
An
einem jüngst noch sonnigen Tag eilte ich zur Post,
um meine geliebten Promopackages abzuholen, und da ereilte
mich auch diese CD von Metal Axe Records/Point Music.
Zuerst stutze ich ein wenig, denn der Bandname ist schließlich
nicht alltäglich. Aber was da auf den ersten Blick
wie eine todbringende Abschiedsmessage klingt entpuppt
sich kurz danach als echter Lichtblick.
Hier haben wir eine, im Gothic Metal angesiedelte Band,
die nicht wie jede andere gewöhnliche Kellerband
klingt und hier und da dem ganzen ein glänzendes
Krönchen aufsetzt.
Die Band singt in deutscher Sprache und setzt sich mit
Poetik und Dichtkunst auseinander. Dabei werden berühmte
Mundartler unter die Lupe genommen und dargestellt.
Dabei spreche ich von Leuten wie Annette Droste - Hülshoff,
Hermann Hesse oder auch Heinrich Heine und Dichtvater
Goethe. Ich muß gestehen, daß ich Goethe
in der Schule gehaßt habe, stellte aber später
fest, daß seine Werke von höchstem Anspruch
sind. Jedenfalls hat sich diese fünfköpfige
Band mit diesen Herrschaften auseinander gesetzt um
sie so herrlich musikalisch in Szene zu setzen.
Gothicsound ist keine neue Erfindung... das muß
auch nicht sein. Hierbei wird kräftig in die Saiten
gehauen und auch elektronische Spielereien haben an
der richtigen Stelle ihren Platz gefunden. Die Stimme
des Sängers ist schwer vergleichbar. Er klingt
nach einem Mix aus 12toElf meet Savior Machine meet...
kraftvolle Eigenständigleit.
11 Songs schwere Textkost kommt hier auf einen zu, mit
der man sich auseinander setze muß. Da darf sogar
nachgedacht werden!!!
Besonders nett finde ich auch das "Anti Nazi"
Zeichen auf der CD... nur eine kleine Nuance, die jedoch
viel zu sagen hat.
Legacy
Na,
wer sich solch einen sympathischer Bandnamen zulegt,
der löst im Kopf des braven Redakteurs schon die
schlimmsten Befürchtungen aus. Schon das erste
Stück 'Nur Dich' lädt zu einer Assoziation
ein, die sich wie ein roter Faden durch das ganze Album
zieht: Rammstein lässt grüßen und das
nicht zu wenig. Bei Rammstein brennt das Herz, hier
pocht es eben. Die Stimme von Sänger Namen versucht
in vielen Passagen eindeutig, die von Rammstein-Sänger
Till zu kopieren, und auch die Texte scheinen schon
fast eine provokante Hommage an die Berliner Band zu
sein. Jedoch weniger überzeugend und lange nicht
kongenial. Man versucht sich hier mit Kleinoden deutscher
Dichtkunst zu beschäftigen und startet den kläglicher
Versuch, klassischen Texten von Goethe, Heine oder Droste-Hülshoff
ein neues Gewand zu geben und es in musikalische Arrangements
einzuweben. Obwohl der Druck bei LEICHENWE1TER stimmt,
die brachialen Gitarren weitgehend überzeugen und
auch der Gesang nicht wirklich schlecht ist, wirkt hier
doch alles sehr nach einer Kopie. Wären LEICHENWWTTER
vor Rammstein da gewesen, so wäre ihnen mein Respekt
sicher.
So kann ich sie leider nur als einfachen Durchschnitt
titulieren, dem eindeutig an Individualität fehlt.
(SVS)
6 Punkte
Amboss
Mag
Nun
haben auch die sauerländer Goth Metaler ein Label
gefunden. Dazu herzlichen Glückwunsch mit dem Gruß
"verdient" . Den Großteil des Albums
machen die Songs aus, welche auf der Eigenproduktion
"Urworte" bereits genügend von mir gewürdigt
wurden (siehe Review). Dazu gibt es mit "Letzte
Worte" eine Neubearbeitung eines Stückes,
welches auf dem ersten Demo der Band "Nachtwerke"
beherbergt ist. Leichenwetter vertonen Gedichte alter,
toter Lyriker wie Else Lasker-Schüler, Droste-Hülshoff,
Hesse, Haushofer, Goethe, Heine usw.
Kommen
wir zu den neuen Stücken, doch zuvor lasst mich
auf das schön, morbid gestalte Booklet aufmerksam
machen. Es beherbergt alles Texte und kommt bis auf
den Schriftzug der Band und des Titels ohne Farbfotos
aus. Puristische Friedhofsromantik. Musikalisch sind
Vergleiche mit Rammstein nicht vom Ohr zu weisen, man
behält sich aber vor den straighten Sound aus Gitarre,
Bass, Schlagzeug und Keyboard in einer ganz eigenen
Darbietung zu offenbaren. Und man besitzt einen Sänger,
der mit seinen Stimmbänder spielen kann. Und wer
diese Band bereits mal Live gesehen hat, weiß
, dass hier nicht wie sonst am Gesang gearbeitet wurde.
Numen kann leidende Melancholie verbreiten, aber er
besitzt auch eine rohe Form der Aggressivität und
zudem kann er allein gesangstechnisch eine Melodie erzeugen.
Angedeutete Growls lassen das Böse in ihm regieren.
Herausstechend,
weil wirklich genial interpretiert ist das Heine Stück
"die schlesischen Weber". Es beginnt sehr
martialisch mit "Deutschland" Rufe und könnte
natürlich ungeübte Ohren und böswillige
Kritiker auf die falsche Fährte lenken. Um jegliche
Diskussionen bereits im Keim zu ersticken. Hier ist
nichts rechts und im Gegensatz zu andern Bands kann
man Leichenwetter auch nicht vorwerfen mit Provokationen
zu spielen. Für wen Heine, Goethe usw. provokant
waren, der wird dieses natürlich auch in der Musik
wieder entdecken. Musik hart zu spielen und den Gesang
rau aggressiv zu interpretieren lässt die alten
Dichter und Denker in einem vollkommen anderen Licht
erscheinen. Quasi Intelligenz als Waffe gegen das biedere
Bürgertum. Würde man den Schülern in
diesem Kontext die alten Texte schmackhaft machen, sie
hätten ihre wahre Freude an der Interpretation
und würden endlich kapieren, welch Schwachsinn
uns heute deutschtextlich so um die Ohren geschlagen
wird. Besonders Maskenmänner und Ghetto Rapper
sollten sich hier angesprochen fühlen und mit einer
galanten Selbsttötung wenigstens kultmässig
ihr Image aufbessern.
Ich
schweife ab. "Im Nebel" (Heine) wird mit einem
klassischen Zwischenspiel aufgelockert, während
der Song ansonsten von dunkler Elektronik im rockigen
Gewand gekennzeichnet ist. Perfekt der Übergang
zum bedrohlichen "Schnitterlied". Der Tod
in der Metapher einer Sense, welche über das grüne
Gras mäht. Eine Schlagzeugorgie bestimmt den Refrain,
während zwischendurch die Theatralik einen Platz
in der düsteren Darbietung findet. Kleine melancholische
Anekdoten durchschleichen die Songs, ohne in balladesken
Kitsch zu versinken. Dieser Song könnte auch als
markantes Mahnmal dienen um den virtuosen und abwechslungsreichen
Gesang näher zu bringen. Hie und Da wird er auch
von betörenden Backings unterstützt. Hesses
"Verführer" ist ein brachiales Intermezzo,
dessen Härte von dunkel-romantischen Zwischenspielen
unterbrochen wird. Gewaltig rockend der Chorus in "Mutter"
(Haushofer), während man hier auch mal mit verwegener
Elektronik spielt, schleicht sich in die Strophen ein
dezenter Pop Appeal. Wesentlich getragener ist "Grenzen
der Menschheit" (Goethe) inszeniert. Schleichend
seziert eine schöne Melodielinie die Gehörgänge.
Eine
Deutschstunde war noch nie so aufregend wie auf "letzte
Worte". Durchdacht die musikalische Untermalung,
durchdacht die gesangliche Phonetik der einzelnen Textpassagen.
Ein grandioses und wahrscheinlich einzigartiges Werk
einer Band, von der man noch viel hören wird, hören
muß. Schlussendlich sei noch mal darauf hingewiesen,
dass die Sauerländer Live ein wahrer audio-visueller
Genuß sind. www.Leichenwetter.de (Andreas)
Ancient
Spirit
Als
ich damals in der siebten Klasse die "Schlesischen
Weber" von Heinrich Heine lesen "musste",
ahnte ich noch nicht, dass ich mal eine so gute musikalische
Umsetzung zu hören bekommen würde. Die Gruppe
LEICHENWETTER kommt aus Deutschland und zeigt es deutlich.
Bretthart und tanzbar wurden Werke bedeutender deutscher
Künstler in Songs umgesetzt, die auf dem Album
'Letzte Worte' einen ziemlich starken Eindruck hinterlassen.
Else
Lasker-Schüler, Annette von Droste-Hülshoff,
Hermann Hesse, Albrecht Haushofer, Johann Wolfgang von
Goethe, Joseph von Eichendorff, Heinrich Heine, Franz
Werfel sind sicher vielen ehemaligen Schülern aus
dem Deutschunterricht ein Begriff. Wem damals alles
zu trocken war, oder wer sich einfach nicht für
das großartige Schaffen dieser deutschen Künstler
interessiert hat, bekommt mit diesem Album eine zweite
Chance. LEICHENWETTER interpretieren die Werke auf ihre
Weise und schaffen es dabei authentisch zu wirken. Mal
ehrlich: Ohne das Wissen, woher die Texte stammen, würde
doch jeder denken, dass hier eine Band am Werk ist,
die eine Schnittmenge aus GOETHES ERBEN und RAMMSTEIN
bildet. Neben Schwermut, Traurigkeit und Depression
in einem instrumental-vokalen Gesamtkunstwerk bieten
LEICHENWETTER auch einige tanzbare Stücke, z. B.
"Verführer", so dass auch der Weg in
die dunkleren der Diskotheken nicht verbaut sein dürfte.
Besonders gelungen finde ich auch "Mondnacht".
Diese tollen Worte von Joseph von Eichendorff hätten
kaum in ein besseres musikalisches Gewand gepackt werden
können. Sehr schön!
Etwas
schräg kommt der Bonustrack "Jenseits Von
Eden" rüber, der von NINO DE ANGELO noch bekannt
sein dürfte und soweit ich weiß aus der Feder
von DRAFI DEUTSCHER stammt. Ob der jetzt in die Reihe
der oben genannten eingereiht werden darf ... naja,
darüber kann man wohl streiten. Stefan,
8 Punkte