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Am
Anfang war das Gedicht, und ihm entsprang ein Geistesfunke
- die Idee, sich mit ausdrucksstarken Klangwelten zu vereinen.
So kam es, das Gitarrist Dawe und Sänger Numen sich
von den glanzvollsten Werken deutscher Lyrik inspirieren
ließen und diese in ein melodiöses, metallenes
Tongewand kleideten. Ihrer Eingebung verliehen sie den
Namen Leichenwetter und offenbaren nun ihre Musik gewordenen
Interpretationen auf ihrem Debutalbum "Letzte Worte"
dem Publikum.
Dawe
erinnert sich noch gut an die ersten Gehversuche anno
1998, als er die initialen Experimente durchführte,
um Lyrik in ein hörbares Erlebnis zu verwandeln:
"Wir haben meistens mit einer musikalischen Idee
oder einem Riff angefangen und hatten dann eine Auswahl
an Gedichten und haben geschaut, was dazu past. Wenn wir
uns für einen Text entschieden hatten, arbeiteten
wir an dem Song weiter und passten den Rest der Musik
dazu an." Die Auswahl der Verse fand nach eigenen
Vorlieben statt und war durch keine Vorgaben eingegrenzt.
Folglich wechseln sich auf "Letzte Worte" moderne
Autoren mit alten Klassikern ab - Else Lasker-Schüler,
Hermann Hesse, Johann Wolfgang von Goethe, Joseph von
Eichendorff und Heinrich Heine sind nur einige wenige
der vertretenen Künstler.
"Wir
sind über diese Gedichte gestolpert und dachten,
dass das eigentlich absolut geniale Texte sind, die nicht
einfach nur in irgendeiner Schublade oder einem Gedichtbuch
verschimmeln sollten, sondern man sie verwenden könnte.
Dazu haben wir dann versucht Musik zu machen..."
Als Unterstützung holte man sich noch drei versicherte
Mitstreiter, um eine komplette Rockbesetzung zur Verfügung
zu haben, wobei Dawe nur bedingt auf literarische Kenntnisse
achtete: "Unsere Jungs sind ganz normale Musiker.
Und man kann die Musik ja auch für sich sehen, denn
die Lieder funktionieren ja auch, wenn man nicht so intensiv
auf die Texte hört oder vielleicht gar nicht weiß,
dass es sich um Gedichte handelt." Das Resultat ist
eine Verbindung aus Gothic Rock und Metal, die rein stilistisch
betrachtet nach Dawes Aussage ein wenig an Rammstein oder
Oomph! erinnert.
Dawe
selbst wurde durch sein Deutschstudium zu Leichenwetter
angeregt und erzählz: "Ich hoffe, dass ein paar
Leute das Angebotene annehmen und darauf einsteigen und
sich daraufhin mit der Materie beschäftigen. Aber
mein Anspruch ist zweifelsohne nicht, dass dies alle tun
sollen. Für die, die es nicht wollen, funktionieren
die Lieder auch gänzlich ohne Text; und das ist uns
eben auch wichtig. Denn die Hochschulgedichte müssen
nicht zwangsläufig mit langweiliger Hochschulmusik
kombiniert werden. Das will dann nämlich keiner mehr
hören." Auch als Deutschlehrer hat er ein Ziel
vor Augen: "Ich würde die Schüler gerne
dazu bringen, mehr Spaß im Umgang mit Gedichten
zu haben. Durch die Schule wird so was ja wirklich teilweise
abtrainiert. Man kriegt einen Text vorgeknallt und muss
drauflos interpretieren. Das sollte eiinfach nicht immer
so nach Schema ablaufen. Die Kids sollten in erster Linie
Spaß daran haben und einen eigenen Zugang finden."
Auf
der Bühne agieren die fünf Herren, Sänger
Numen ausgenommen, mit eisernen Masken, die nicht bloß
schöne Zier sein, sondern einen gewissen Zweck erfüllen
sollen: "Ursprünglich hatten wir uns mal überlegt,
diese Masken zu tragen, damit wir als Musiker gar nicht
persönlich in Erscheinung treten, sondern einfach
nur als Medium fungieren, um die Texte zu transportieren."
Da dieses Konzept von Beginn an aufging, ist man bis heute
dabei geblieben - die eiserne Hülle ist also mehr
als ein schlichtes trendiges Requisit für ein cooles
Image. "Cool und angenehm ist das sowieso nicht!",
kommentiert der Saitenkünstler lachend.
Bevor
man den Erfolg eines Labels und eines Vertriebes feiern
konnte, arbeitete die Band bereits an einer Reihe von
Songs, die sich auf dem selbst produzierten Silberling
"Urworte" erlauschen lassen, den es allerdings
nur direkt über die Homepage von Leichenwetter zu
erheischen gibt. Schon da ist zu hören, dass die
Jungs auch elektronischen Klängen nicht abgeneigt
sind, denn Keyboarder Rudiator ist der synthetischen Musik
sehr zugetan. "Ihm war es ein Anliegen, die Songs
in einer veränderten elektronischen Version zu remixen",
wodurch sich am Ende der "Letzten Worte" zusätzlich
zwei tanzbare, weniger metallische Fassungen zweier Tracks
finden, die sich auch auf den Tanzflächen der Clubs
bewähren dürften. "Unser Anspruch war dabei
aber nicht: Juchhu, wir machen auch noch was für
die Disco", sondern man wollte lediglich eine andere
Seite der Stücke darlegen.
Und wenn das Quintett in nächster Zeit noch eine
Bookingagentur findet, wird man Leichenwetter auch live
auf den Bühnen des Landes erleben und sich Goethes
Poem "Grenzen der Menschheit" in rockiger Variante
um die Ohren donnern lassen können.
(
Februar 2005 / Peter Sailer )
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