Werke jenseits von Großstadtlyrik oder Industrialisierung
DAWE von der deutschen Konzeptband LEICHENWETTER nahm sich Zeit, um meine Fragen zur Band und zum neuen Album „Klage“ zu beantworten und entpuppte sich dabei als sympathischer, interessanter Zeitgenosse. Aber beginnen wir von vorne - mit der Geschichte von LEICHENWETTER, die DAWE für mich wie folgt zusammenfasst: „Die Geschichte Leichenwetters ist bisher nicht außergewöhnlich ungewöhnlich verlaufen: Die Gründung liegt gegen Ende der Neunziger Jahre des vergangenen Jahrtausends. Seitdem ist unser Line-up beständig geblieben. Bis dato haben wir zwei Eigenproduktionen („Nachtwerke“ und „Urworte“) und nach „Letzte Worte“ nun das Album „Klage“ veröffentlicht.“

Dabei besteht das Konzept bei LEICHENWETTER darin, die Werke verstorbener deutscher Lyriker zu vertonen. Das macht das Quintett jedoch nicht etwa aus Mangel an eigenen Texten oder Kreativität, wie DAWE bereitwillig verrät: „Die Idee entstand nicht ganz spontan. Bereits zu Schulzeiten stieß ich häufig auf Lyrik, die ich verglichen mit der Plattheit vieler Songtexte für so genial erachtete, dass mir bereits damals die Idee erwuchs, diese Gedichte mit harter Musik zu verbinden. Ich war der Meinung, so könne man Leuten diese Texte näher bringen, die nicht in einen Gedichtband schauen.“ Die Werke verstorbener Lyriker wählt die Band dabei nicht etwa aufgrund irgendwelcher morbider, nekromorpher Gelüste aus, sondern aus dem einfachen Grund, dass „viele der Gedichte keinen aktuellen Bezug benötigen, sondern einfach zeitlos gültig sind. Sie transportieren Gefühle und Stimmungen, die einfach allgemein verständlich sind. Liebe oder Sehnsucht verlieren nicht an Aktualität.“ Dagegen beschäftigen sich nach Meinung der Band moderne Gedichte eher mit Themen, „die ich für LEICHENWETTER unpassend finde, z.B. Großstadtlyrik oder Industrialisierung.“

Dieses Konzept scheint unabhängig von der individuellen Blickweise auf die moderne Lyrik aufzugehen, denn die Karriere von LEICHENWETTER erfährt mit der Veröffentlichung von „Klage“ gerade einen neuen Höhepunkt. Da darf man dann ruhig auch mal fragen, was „Klage“ nach Meinung der Macher von den anderen zahlreichen Veröffentlichungen im Gothic-Rock-Bereich abhebt. Eine Frage, die der Gitarrist souverän zu beantworten weiß: „Natürlich könnte unser Konzept einigen Leuten gefallen, aber allein wegen der Gedichte wird sich ja niemand ein Album zulegen“, gibt er sich selbstkritisch. „Außerdem haben andere deutschsprachige Bands ja nicht unbedingt schlechte Texte. Das ist ja auch bei uns nur die eine Seite. Mindestens genauso wichtig ist natürlich die Musik, die ja die viel offensichtlichere Hälfte ist. Wir sind aber nicht so vermessen zu behaupten, dass wir uns dadurch von allen anderen Bands abheben. Wir persönlich sind mit dem Album sehr zufrieden, weil es schöne Songs enthält, die eingängig sind, aber auch gut rocken. Was will man mehr?“ Gute Frage. Vielleicht verspürt der Eine oder Andere nach diesen Auskünften ja sogar Lust, die Band einmal live zu erleben. Das sollte in der näheren Zukunft kein größeres Problem darstellen, verrät DAWE: „Gerade live funktionieren die neuen Stücke wie gesagt sehr gut, sodass ein Konzert eine sehr wichtige Sache ist. Zudem bietet sich uns natürlich dabei die Möglichkeit, neue Fans zu erspielen. Wir versuchen, kontinuierlich Shows zu spielen.

Da „Klage“ jetzt erschienen ist, müssen wir das Album jetzt verstärkt promoten. Zur Zeit suchen wir eine passende, größere Band, mit der wir als Support eine Tour bestreiten können. Schließlich wollen wir uns weitere Fans erspielen.“ Nachdem DAWE nun alle Fragen so freundlich und kompetent beantworten konnte, brennt mir nun nur noch eine letzte Frage auf den Lippen: Die Promofotos sehen aus wie eine Mischung aus HANNIBAL LECTOR, SIDO und SLIPKNOT-Fanclub. Ich möchte zum Abschluss gerne noch wissen, warum die Band sich ausgerechnet in diesem Outfit für Album und Pressemappe fotografieren ließ. Selbst diese Frage kann DAWE aber mit einer ordentlichen Portion Humor zu meiner Zufriedenheit beantworten: „Wir sind einfach so hässlich und wollen nicht gleich alle verschrecken.“

Ben Kettner
Gothic Nr. 56 (März - Mai 2007)



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